Eine mutige Frau, die heute 100 würde

Veröffentlicht am 26.07.2007 in Presseecho
Rosa Kamm

Was war sie nicht alles: Mitglied der verfassungsgebenden Landesversammlung, SPD- und AWO-Ortsvereinsvorsitzende, Gründerin des Spielplatzvereins, Mutter von vier Kindern und der SKV-Fußballer, erste weibliche Trägerin des Bundesverdienstkreuzes im Kreis, Stütze und Chauffeur ihres Mannes. Vor allem aber war sie eines: eine mutige und tapfere Frau. Die Rede ist von Rosa Kamm, die heute 100 Jahre alt würde.

„Heute verschicken die Leute drei, vier Mails und halten das für Politik“, sagt SPD-Stadtrat Frieder Stöckle, der Rosa Kamm als junger 68er erlebt und rückschauend auch da einen gravierenden Unterschied zwischen dem feststellt, was seine Generation und was eine wie Rosa Kamm unter Politik verstanden hat:

„Wir Jungen hatten die Köpfe voller Ideen und Theorien und ihr ging es um ganz praktische Politik.“

Etwa um die Verhinderung höherer Strompreise oder die Beschaffung von Wohnraum.

Rosa Kamm, die Katholikin aus Schwäbisch Gmünd, war gerade 18, als sie ihren Mann, den späteren Entnazifizierungsminister und Schorndorfer SPD-Übervater Gottlob Kamm, geheiratet hat, der in Folge einer Kriegsverletzung ein Bein verloren hatte. Kennen gelernt haben sich die beiden bezeichnenderweise auf dem Normannia-Sportplatz.

„Mein Vater wäre ohne meine Mutter nichts gewesen“, betont die jüngste, 1942 als Nachzüglerin geborene Tochter und SPD-Stadträtin Ursula Kamps, die ihrer Mutter den Lebensmut wieder gegeben hat, nachdem sie am Tod ihres Lieblingssohnes Walter fast zerbrochen wäre.

Das war nur einer von vielen Schicksalsschlägen, die Rosa Kamm hinnehmen musste und die sie doch nicht erdrückt und schon gar nicht mundtot gemacht haben. Als ihr Mann im KZ auf dem Oberen Kuhberg in Ulm war - später wurde in Wien auch noch ihr Sohn Berthold inhaftiert -, da fuhr sie immer nach Stuttgart und begehrte von der Gestapo hartnäckig Auskunft über den Verbleib von Gottlob Kamm. Daneben hat sie in Schorndorf das Bahnhofsständle geführt, das zu jener Zeit auch ein politisches Kommunikationszentrum war. Später hat Rosa Kamm einen Lebensmittelladen in Cannstatt betrieben.

Gewerkschaft, Sportverein, Gesangverein, Partei und - als katholisches Element - der Chor der Heilig-Geist-Gemeinde: All das gehörte nach Rosa Kamms sozialdemokratischem Verständnis zusammen. „Das Wichtigste war sie für die Bergpredigt“, erinnert sich Frieder Stöckle. Was in der Praxis bedeutete: „Sie hat geholfen, wo sie konnte.“ Die Sorgen der kleinen Leute kannte sie von klein auf. Ihre Großmutter war „Sandlfrau“ gewesen, hatte also Fegsand verkauf, ihr Vater war Schriftsetzer. Und was ihr an sozialem und sozialdemokratischem Bewusstsein fehlte, das eignete sie sich in vielen Gesprächen - auch manchen Streitgesprächen, sagt Ursula Kamps - mit ihrem Mann an. Nach außen hin aber war die Rollenverteilung klar. Zwar saß Rosa Kamm von 1947 bis 1953 im Gemeinderat, aber später hat sie ihrem Mann den Vortritt gelassen. Was nichts daran änderte, dass sie bei der Wahl im Jahr 1959 wiederum fast 3000 Stimmen bekam und mit ihrem Mann zusammen 30 Prozent der gesamten SPD-Stimmen kassierte.

„Sie hat, unterstützt von ihrem Mann, kommunalpolitische Frauenarbeit gemacht“, sagt Frieder Stöckle

, der, ermuntert von Rosa Kamm, in die Arbeit des Kinderspielplatzvereins hineingewachsen ist. Umgekehrt hätte Gottlob Kamm seinen Beruf und seine vielen Ämter und Ehrenämter nicht ausfüllen können, wenn er seine Frau nicht gehabt hätte. „Ihr zweiter Beruf war Chauffeur“, sagt ihre Tochter Ursula.

Chauffeur war Rosa Kamm aber nicht nur für ihren 1973 verstorbenen Mann, sondern auch für „ihre“ Fußballer. Ihr Verein, das war der SKV Schorndorf, in dem ihr vor allem die Fußballer am Herzen lagen. Ob ein Spieler Kickstiefel brauchte oder ob der Einsatz eines jungen Spielers gefährdet war, weil er daheim wegen irgendeiner Dummheit Hausarrest hatte - Rosa Kamm kümmerte sich um alles. Sie organisierte Tanzkurse und stiftete so manchen Bund fürs Leben. Bis ins hohe Alter stand sie jeden Sonntag auf dem Sportplatz und hatte als Belohnung für den oder die Torschützen Schokolade in der Tasche. Und zwischendurch hallte ihr weithin bekannter Anfeuerungsruf über den Platz. „Agreifa“, lautete der - und „Angreifen“, das war auch das Lebensmotto dieser am 4. Januar 1996 verstorbenen mutigen und unerschrockenen Frau, der aber auch die Geselligkeit wichtig war. Wenn am Schluss einer Veranstaltung noch gemeinsam gesungen wurde, spätestens dann war’s aus Sicht von Rosa Kamm eine „schöne“ Veranstaltung.

Am heutigen Donnerstag, 26. Juli, fand um 11 Uhr beim Grab von Rosa Kamm auf dem neuen Friedhof eine Kranzniederlegung statt. Die Familie, der SPD-Ortsverein und Vertreter der Arbeiterwohlfahrt legten Gebinde nieder. Die Stadt war durch Oberbürgermeister Matthias Klopfer vertreten. Dr. Frieder Stöckle erinnerte in einer Rede an das Leben von Rosa Kamm.

Quelle: Schorndorfer Nachrichten vom 26. Juli 2007, Redakteur Hans Pöschko
Bild: mit Genehmigung der Schorndorfer Nachrichten

 
 

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